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Sensorik der Kunst

Künstlerische Prozesse
zur Überwindung der
Pole Liebe und Rendite

Armut oder Reichtum, warum ist beides unbefriedigend? Das eigentliche Glück auf Erden besteht in der zwischen menschlichen Zugehörigkeit und Verbundenheit. Menschliche Wärme entsteht durch Nähe und Reibung. Geld diente ursprünglich dem Austausch von Waren, nicht der Anhäufung von Besitztümern oder Prestige. Das Horten von Reichtümern erzeugt Neid. Neid fördert Missgunst. Missgunst wiederum führt in die Trennung und emotionale Kälte.
Es ist also ein Irrglaube, dass Reichtum einiger weniger zu mehr Anerkennung und echtem Wohlstand führt. Unsere ursprüngliche Antriebsfeder ist die Sehnsucht nach Sicherheit, Geborgenheit und dem Gefühl, geliebt zu werden.

Spaltung durch soziales Gefälle

Der Mensch lebt seit Anbeginn der Zeit in Gruppen. Das Glück des einzelnen steht also seit je her in Relation zum Glück der zugehörigen Gruppe, die dem Schutz jedes Individuums dient. Wenn wir uns abspalten mittels „immer mehr Geld“ und die Gruppe nicht in dem gleichen Maß an unserem Wohlstand teilhaben lassen, sondern die Vorteile und Annehmlichkeiten für uns behalten oder nur mit einigen wenigen Auserwählten teilen, verlieren wir die Zugehörigkeit und Liebe zur Gesellschaft. Wir sind umgeben von unsichtbarem Neid und Missgunst, sind damit beschäftigt, unseren Besitz zu schützen und können die Freude über unseren Überfluss nicht wirklich genießen. Irgendetwas fehlt. Wenn eine ganze Gesellschaft nun in der Arm Reich Schere lebt und beide Seiten diesen Zustand akzeptieren, verlieren wir alle unsere soziale Wärme. Keiner der beiden Seiten kann glücklich oder zufrieden leben. Neid ist kein steuerbares Gefühl. Genauso wenig wie Eifersucht. Bei einem sozialen Gefälle lässt sich dieses Gefühl nicht einfach abstellen, egal wie sehr wir uns auch darum bemühen. Jeder Mensch, ob arm oder reich weiß, dass er oder sie in einem unnatürlichen Ungleichgewicht lebt. Ein Gefühl, das unmerklich an uns nagt.

Ist nun der in Armut lebende Mensch etwa glücklicher als der Reiche? Im Kampf um das tägliche Überleben und „sich Vergleichen“ erleben in Armut lebende Menschen auch untereinander Missgunst und Neid. In dem Irrglauben, nur Geld und Wohlstand mache glücklich, jagen wir alle der Erdnuss hinterher. Auch die weniger Armen oder Reichen, die sich noch im Mittelfeld bewegen. Dieses System, in dem wir leben, isoliert uns. In der Kunst ist es nicht anders. Der Künstler lebt in dem gleichen System, wie alle anderen auch. Er kann sich unmöglich entziehen. Gibt es Wege, diesen Zustand des Isoliertseins zu überwinden?

Kunstbrücke oder Brückenkunst?

Die Kunst selbst stellt die Brücke dar, die aber viele Künstler*innen erst noch erkennen müssten. Die meisten von uns sind ebenfalls gefangen in unserem System, das nur auf Zugewinn und Trennung abzielt. Das Gleiche auf der Seite der Wirtschaft, die sich an künstlerischen Prozessen eher desinteressiert zeigt, solange die Produktion hohe Renditen abwirft. Wenn ich von einer Verbindung von Kunst und Wirtschaft spreche, sehe ich bei einigen Künstlerinnen und Künstlern große Vorbehalte und Ignoranz während andere froh sind, dass sich endlich einmal jemand aus den eigenen Reihen wagt, zwei scheinbar gegensätzliche Pole zum Schmelzen zu bringen. Mit dem Wunsch, unsichtbare Mauern von Missgunst und Neid auf die jeweils andere Seite zum Einsturz zu bringen, damit unsere Menschheitsgeschichte doch noch einen gesünderen Weg einschlägt.

Kunst ist eine Gesellschaftsrendite

Das Hauptargument vieler Künstler*innen lautet: „Wir lassen uns nicht instrumentalisieren für eine profitorientierte Wirtschaft”. Ist es nicht aber so, dass wir den Wirtschaftsbossen dieser Welt einfach das Feld überlassen, wenn wir uns am Geschehen nicht beteiligen? Profitgier, Ausbeutung, Gewissenlosigkeit entsteht doch nur, weil die Kunst im Unternehmen fehlt. Weil wir Künstler*innen durch Abwesenheit glänzen und uns einigeln in unserer eigenen Welt, allzu oft im Verzicht auf Wohlstand lebend. Oder wir wählen das Instrument Kunstmarkt, das genau so funktioniert wie alle anderen Wirtschaftsunternehmen auch. Wo es um Macht, Einflussnahme und das Produkt Kunst und nicht um den Entwicklungsprozess Kunst geht. Wo die Kunst angepriesen wird passend zum Wohnungsinventar oder zum Erscheinungsbild des Unternehmens. Oder wo Kunstwerke in wohltemperierten Räumen als Sammelgut und Wertanlage gehalten werden. Kunst ist mehr wert als Mehrwert. Sie ist eine immaterielle Rendite für unsere Gesellschaft, auf die wir nicht verzichten können.

Wo ist denn da die Freiheit und das Potential des künstlerischen Prozesses? Das treibt so manchen Künstler in die schiere Verzweiflung und auch Armut. Weil es keinen Weg aus diesem Dilemma gibt. Wir können uns entscheiden, unsere Ergebnisse künstlerischer Arbeit als Produkt zu verkaufen und die Regeln eines Marktes akzeptieren oder andernfalls unser Leben aus Nebentätigkeiten bestreiten. Dann ist unser Tun beim Finanzamt als Hobby deklariert. Wir können unsere Rechnungen nicht geltend machen und bekommen in Coronazeiten keine Unterstützung. Der dritte Weg geht über Fördergelder von Stiftungen und Museen. Aber auch dieser Weg isoliert die Kunst von unserer Gesellschaft. Zwingt sie in ein Inseldasein. Wir verbringen im Verhältnis zur Arbeit vielleicht 1% unserer Zeit in Museen oder Galerien.

Corona als Symptom
nicht als Ursache
der Weltkrise

Das Künstlerische Produkt ist immer das Ende vom Ausgangspunkt „künstlerische Idee und künstlerischer Prozess“. Die Kunst steht der Wirtschaft aktuell genau so diametral gegenüber wie Arm und Reich. Wenn wir nun unsere Bereitschaft erklären, aufeinander zuzugehen, was würde dann passieren? Ich erlebe eine neue Offenheit vor allen Dingen von Menschen aus der Wirtschaft. Wir sind alle Zeitzeugen einer durch Krisen geschüttelten polarisierenden Zeit, nicht nur allein durch Corona. Diese Viruserkrankung ist ein Symptom unserer globalisierten Welt, nicht aber die Ursache unserer Probleme.

Den eigentlichen Mangel erkennen

In unserer Zeit ist eine Leere entstanden, die eventuell gefüllt werden könnte. Wir Künstler*innen müssten dafür erst einmal unseren Wert und den Wert der Kunst erkennen. Kunst erfüllt keinen Zweck sagen die meisten. Warum eigentlich nicht? Erfüllt die Erde einen Zweck? Das Schöpferische? Die unendliche Farben- und Formenvielfalt? Macht das einen Sinn? Wenn ja, welchen? Vielleicht den, zu erkennen, dass wir entfremdet leben. In unserem Alltag mit 50 Marmeladensorten in einem Supermarktregal. Was vermag da also mitten in diesem Konsumrausch die Kunst noch zu bewegen? Kann sie uns überhaupt noch bewegen? Oder schlafen wir schon so tief, dass wir unseren Mangel nicht mehr erkennen? Haben sich alle damit abgefunden, auch die Künstler*innen? Und wer soll eigentlich der sogenannte „Zielkunde“ bei einer Gestaltungsinitiative für Kunst und Wirtschaft sein?

Eine Verbindung würde bedeuten, dass sich beide Seiten eingestehen, dass sie Defizite aufweisen. Wobei ich mit der Wirtschaft unsere Gesellschaft meine, in der auch Künstler*innen leben. Es ist nicht möglich, sich zu entziehen. Daher müssen auch wir Künstler*innen uns hinterfragen. So wie jeder Mensch, der in der Wirtschaft lebt und arbeitet oder einfach nur vor sich hin existiert. Zielkunde unserer Gestaltungsinitiative sind also wir alle zum Wohle aller.

Auflösung der Trennung
von Kunst und Wirtschaft

Wenn wir Künstler*nnen Kunst für Unternehmen anbieten, dann geben wir uns nicht auf, sondern bringen unsere Potentiale ein. Wenn ein Wirtschaftsunternehmen Künstler*innen beauftragt, in ihrem Unternehmen künstlerische Prozesse einzufügen, dann darf dieses nicht mit der Absicht geschehen, das Ambiente aufzupolieren. Es geschieht aus dem festen Willen einer gesellschaftlichen Transformation. Da entsteht Reibung und wo Reibung ist, ist auch Wärme. Wenn wir Menschen wieder Wärme erzeugen, kann sich das Klima vielleicht erholen und die Erhitzung des Erdballs einstellen.

Ich wage zu behaupten, dass die Verbindung von Kunst und Wirtschaft nicht eine mögliche Option sondern die Grundvoraussetzung für einen Heilungsprozess unserer Gesellschaft ist. Wir müssen begreifen, dass alles miteinander in Verbindung steht. Es gibt keine Separierung von Kunst und Wirtschaft. Wir haben diese Separierung selbst herbeigeführt und können sie auch wieder auflösen, indem wir aufeinander zugehen und voneinander lernen. Wir können und müssen und sollen uns verbinden zum Wohle einer ganzen Welt.

Synästhetische Wesensportraits

Als Konzeptkünstlerin habe ich das Material Filz für die abstrakten synästhetischen Wesensportraits menschlicher Naturen gewählt, weil es wärmt und verbindet. Farbe ist ein Ausdruck schöpferischer Kraft. Die Farbe ist wie eine Vokabel. Ein Übersetzungsmodul für menschliche phänotypische Wesenszüge. Zentrales Thema meiner künstlerischen Schaffensprozesse ist der Mensch und seine gesellschaftlichen Strukturen und Beziehungen. Mich interessiert, wie alles in Beziehung steht. Verbindung ist meine Kernaussage. Es gibt nichts, was nicht miteinander in Beziehung steht!

Die Art und Weise, wie Menschen miteinander in Beziehung treten, erzeugt eine bestimmte Raumatmosphäre. Auch die umgebenden Materialien und Wände eines Raumes stellen eine bestimmte Raumatmosphäre her. Sie kann als warm oder kalt empfunden werden, als angenehm oder unangenehm, als dunkel oder hell, schwer oder leicht. Jedes meiner Portraits wirkt anders auf den Raum ein, genau so, wie jeder Mensch einen ganz eigenen Beitrag zur Teamatmosphäre beiträgt. Die Beziehung zwischen einem Raum und den darin befindlichen Personen spielt eine entscheidende Rolle für die zwischenmenschlichen Beziehungen des Teams. Der umgebende Raum bildet die Grundlage für gelingende Beziehungen.

Perspektivwechsel Kunst

Kreativität ist die Voraussetzung für einen künstlerischen Schaffensprozess, sie ist aber nicht das Gleiche. Wenn wir von Kreativität sprechen, sprechen wir nicht von Kunst, die so viel mehr vermag. Die Kunst ist in einen Bereich vorgedrungen, dem die allermeisten Menschen nicht mehr folgen können:
In die Welt der Abstraktion und Transzendenz. Dieser Bereich wird allzuoft als Dekoration begriffen und vermarktet, was dem künstlerischen Prozess und dem Lebenslauf einiger Künstler*innnen in keinster Weise gerecht wird.

Viele Künstler*innen haben sich von der figürlichen Darstellung abgewendet und bleiben häufig unverstanden. Die Kunst hat einen Perspektivwechsel vollzogen, eine Transformation durchlebt, die für jemanden, der den künstlerischen Prozess nicht kennt, sehr schwer nachvollziehbar ist. Als Betrachter bin ich gefordert, mich mit dem Prozess zu beschäftigen und nicht mehr nur mit dem Ergebnis. Wenn wir die künstlerischen Prozesse verstehen, können wir ggfls. das darin enthaltene Potential freisetzen und wirtschaftliche und gesellschaftlich Transformations-Prozesse unterstützen. Künstler*innen und Unternehmer*innen kreieren dann gemeinsam ein neues Bild von sinnstiftender Arbeit.

Kim Kluge Bonn, 12.03.2021

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Krisenmanagement

Kunst und Krisenmanagement

Kunstschaffende sind Krisenmanager

Krisen, auch wirtschaftliche, sind Chancen. Niemand weiß das besser als Kulturschaffende. Sie sind die perfekten Krisenmanager und Managerinnen.
Wahre Zwitterfiguren in einer durchstrukturierten Gesellschaft. Sie bewegen sich inmitten eines Spannungsfeldes zwischen Kunst und Wirtschaft. Zwei Pole, die bei näherem Hinsehen eigentlich zusammengehören.
Die künstlerische Arbeit setzt sich permanent mit der Auflösung und Neusortierung bestehender Strukturen auseinander. Perspektivwechsel sind an der Tagesordnung, permanente Veränderung ist ganz normal. Kunstschaffende sind wahre Alltagsnomaden. Kein Prozess gleicht dem anderen. Permanente Neuerfindung und Transformation. Die Genres sind facettenreich und so ist es nicht verwunderlich, dass wir nun von der konkreten Darstelleung von Mensch, Tier und Natur in die Abstraktion gewechselt sind.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg ins unbekannte Land

Denn Abstarktion bedeutet auch ein Weg in die Freiheit. Frei sein von zermürbenden und veralteten Strukturen, die den Menschen krank machen. Das ist wichtig für unsere Wirtschaft, die mitten in einem Prozess der digitalen Transformation steckt. Bisweilen sind diese Prozesse sogar disruptiv, so dass uns der Boden unter den Füßen wegzubrechen droht.

Abstraktion ein wunderbares Stichwort für Veränderung

Malen wir also ein allegorisches Bild zum Thema. Dafür eignet sich das Bild des Suppe kochens. Gemüsesuppe beispielsweise. Wir nehmen Broccoli, Möhren, Sellerie, Erbsen, Bohnen und etwas Mais, fügen alles zusammen mit etwas Wasser und Gewürzen in einen Topf, halbe Stunde köcheln lassen und fertig ist die Mahlzeit. Beim Verzehr können wir sehen, was wir essen. Die Zutaten sind verifizierbar, also konkret. Fassbar, erklärbar. Vielleicht erzählt der Koch noch eine Geschichte, weil die Möhren im eigenen Garten nachhaltig angebaut wurden. Wir vertrauen dem Koch, weil wir sehen können, was wir essen.

Wie Suppe zur Kunst wird

Jetzt geht der Koch in den Abstrahierungsprozess über. Er nimmt den Mixer und püriert die Suppe. Geschmacklich dürfte keine Veränderung eintreten. Aber das bisher Sichtbare, eindeutige wird unkenntlich gemacht. Die Zutaten verschwimmen und verschwinden. Wir sehen nicht mehr, was wir essen.
Es ist, als wären wir plötzlich stark kurzsichtig. Nur der Koch weiß, was die Suppe enthält. Es wird rätselhaft. An dieser Stelle könnten wir uns bereits fragen, ob Suppe pürieren eine Kunst der Abstraktion ist. Handelt es sich hierbei um ein Kunstwerk? Wenn nicht, ab wann wird die Suppe zur Kunst? Wenn wir sie nicht essen? Oder wenn wir mit ihr die Wand bemalen? Wann ist Kunst eigentlich Kunst? Und was können künstlerische Prozess in der Wirtschaft bewirken? Wir leben im Zeitalter digitaler Transformation und Künstlicher Intelligenz. Wo geht denn eigentlich die Reise hin? Vertrauen wir dieser künstlichen Suppe?  Oder wirkt die künstliche Intelligenz nicht ähnlich abstrakt, wie ein modernes Bild an der Wand? Die KI dekoriert unsere Gesellschaft und Wirtschaft quasi um. Alles wird kompfortabler und rentabler. Wird es auch kälter? Oder haben wir jetzt wieder mehr Zeit für soziale Kontakte und Kunst und Musik , weil wir von harter Arbeit befreit werden?

Kunst und Wirtschaft kreieren ein neues Bild von Arbeit

Die Künstler können auf diese Fragen keine direkten Antworten geben. Aber sie könnten ihre Prozesse offenlegen. Strategien der Lösungsfindungen werden dann auf abstrakten Wegen angestrebt und nicht mehr in einer Zielgerade. Kunst wird dann wieder mit anderen Augen wahrgenommen. Nicht als schöne und profitable Wanddekoration, sondern als Ergebnis eines wichtigen Prozesses, der dem Menschen zu Gute kommt. Wir könnten einige Dinge hinterfragen. Ob es perspektivisch betrachtet zum Beispiel richtiger wäre, wenn man bei einem Wettbewerb die Medaille einfach umdreht. Bei 1000 Wettbewerbern sind dann 997 Plätze zu vergeben und nicht nur der 1. 2. und 3. Platz. Wir würden vielleicht mutiger, uns Dinge vorzustellen, an die wir uns normalerweise nicht herantrauen, weil sie uns unmöglich erscheinen. Abstraktion bedeutet Mut und Perspektivwechsel. Auch der Blick auf eine gewaltige Krise würde in ein neues Licht gerückt werden. Wir treten aus unserer Begrenztheit heraus und beleuchten die Fakten von allen Seiten gründlich.

Auf zu neuen Ufern

Es macht Sinn, dass Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen die künstlerischen Prozesse besser verstehen lernen. Es ist nicht nur der soziale Wärmeaspekt, der hier eine immanente Rolle spielt, sondern auch der gedankliche Prozess. Wie kommen wir auf abstrakten Wegen auf konkrete Lösungen. Das ist nicht mit wenigen Sätzen erklärbar. Es muss erfahrbar gemacht werden, damit wir es begreifen können. Künstler*innen und Künstler würden mit der Wirtschaft auf Augenhöhe gehen und gemeinsam ein neues Bild von Arbeit kreieren.
Autorin: Kim Kluge 03/2020