Initiative für Kunst und Wirtschaft

Kunstkonzepte mit Filz und Fotografie für Unternehmen ©kim kluge

Anlass/Initiative:

Vorbereitung /Gründung einer Initiative oder ggf. einer gemeinnützigen GmbH, zur Förderung der Verbindung von Kunst und Wirtschaft mit dem Ziel, ein stimmiges Bild des gegenwärtigen Zustands der Menschheit und ihrer Zukunft zu entwerfen. Dabei geht es insbesondere um die Klärung der Begriffe Kreativität, Kunst, Wirtschaft, Arbeit und Kapital und ihrer Neubestimmung.

Frank H.Wilhelmi: Unternehmer und Gründer von Odem Investing, Frankfurt a.M., Mitbegründer des Unternehmens Wirtschaft und Kunst-erweitert und Mit-Initiator der Baumkreuz-Skulptur an der B7 bei Ifta im ehemaligen Todesstreifen der deutsch-deutschen Grenze.

Kim Kluge: Bildende Künstlerin, Meisterschülerin von Walter Dahn (Beuys Schüler), Kunst für Unternehmen und Kreativkurse für Unternehmen, 1.Vorsitz BBK Bonn Rhein-Sieg, Founderin der Bonnerkunstschule

K: Was ist eigentlich Kunst?

W: Inwieweit ist Kunst kreativ? Was ist Arbeit? Was ist ein Unternehmen? Welcher Bedarf drückt sich in der Existenz des Unternehmens aus? Wie drückt seine Form die Arbeit an dem Bedarf aus?

K: Brauchen wir Kunst? Wenn ja, wofür brauchen wir Kunst? 

W: Wie geht das Produkt/die Dienstleistungen auf den Bedarf ein? Welches zukünftige Bild des Menschen tritt als Bedarf oder Wille in Erscheinung?Wie wollen wir (gemeinsam) gestalten und was ist meine/unsere gemeinsame Gabe/Aufgabe darin (im Ganzen- als Künstler – als arbeitsteilig tätige Menschen in Form eines Unternehmens)? Wie verstehen wir ein Kunstwerk gegenüber einem Produkt? Ist Kunst vergleichbar mit den Produkten der Industrie? Was unterscheidet die Kunst von einem unternehmerischen Produkt oder einer Dienstleistung? Was verbindet beide und was unterscheidet sie? Welche Rolle spielen Materialität, Form, Komposition, Bearbeitung, Wärme-/Kälteaspekte, Proportionen. Was ist Arbeit? Kann man für Kunst/Arbeit bezahlt werden? Die Rolle des Geldes? Was bedeutet Gewinn/Erfolg/Rendite – für wen? Wann ist Kunst/ein Unternehmen erfolgreich? Wie kann seine Form stimmig bleiben? 

K: Ist Kunst der Abfall eines künstlerischen Prozesses?

W: Wiedergeburt durch Abfall

K: Der Rezipient wird durch die Betrachtung von Abfall an den künstlerischen Schaffensprozess erinnert und im übertragenen Sinne wiedergeboren durch die Rückbesinnung auf die Schöpfung/Kreativität.

W: Wie entsteht Abfall? Wie gehen wir damit um? Worauf weist uns Abfall hin? Was ist Gedankenabfall? Gedanken – Müllhaufen einer verirrten Menschheit? Wenn er nur der Abfall ist, wofür steht dann der Abfall? Weist er uns darauf hin, dass wir die Bedeutung der Materialien und den adäquaten Umgang damit (noch) nicht erkannt haben?   

K: Was ist für ein Unternehmen wichtiger: Der künstlerische Prozess oder das Produkt des künstlerischen Prozesses?… Wie wird ein Unternehmen Kunst und das Produkt ein Kunstwerk?

W: Ist es ggf. die Art/Herkunft des Impulses, der die Aktion auslöst und der Prozess, wie daraus ein Ergebnis/Produkt entsteht? Das Produkt steht für den Anspruch aus einem Bedarf von Menschen, das Kunstwerk entsteht aus dem Bedarf des Kunstwerks selbst. Es ist nicht diskutabel und nicht bewertbar anhand eines Anspruchs und seiner etwaigen Erfüllung.

K: Das Ergebnis ist nicht messbar aber durchaus bewertbar, weil es m.E. nach bestimmten Kriterien einschätzbar ist, aber wollen wir die Verschmelzung Kunstwerk und Wirtschaftsgut/Produkt tatsächlich so weit forcieren?

W: Ich möchte auf keinen Fall etwas forcieren (das macht das System, weil es auf ein bestimmtes Ergebnis spekuliert). Es geht auch nicht um Verschmelzung, sondern eher um eine genaue Unterscheidung/ Beschreibung/ Beobachtung der Zusammenhänge, wie ein Produkt oder ein Kunstwerk jeweils zustande kommt. Es soll damit keine Qualifizierung verbunden sein (Kunstwerk=gut/ Produkt=schlecht). Die Frage könnte eher lauten: Was löst sich im Produkt für ein Bedarf ein, welcher Mangel/ Bedarf/ Not wird behoben, welche Erkenntnis offenbart sich im Zustandekommen und im Ergebnis. Wie finden wir unsere Intention tätig zu werden wieder in den Artefakten/ Produkten. Welche Phänomene zeigen sich darin. Wie korrigieren/ verändern sich unsere Absichten/ Motive in der Bearbeitung/ Reibung mit der Materie/ den Gegenständen/ Wiederständen und was sagt uns die daraus entstehende Form über die Stimmigkeit des Entstehungsorgangs und unseres Bildes.         

K: Was sind die Konsequenzen? Folgen wir dann einer Ideologie, die weitere Nebenwirkungen nach sich zieht? Umkehrschluss: Die Kunst wird ein Produkt.

W: Ich denke, das ist bereits in vielfältiger Weise passiert und müsste gerade einmal aufgeklärt werden – wie das passieren konnte und wie wir ggf. diesen Unfall (Kunstfehler) beheben.

K: Kunst, ich denke, wir sollten das näher erläutern.

W: Bestimmte Künstler (herrschender Kunstbegriff) und die Rezeption ihrer Werke sind Teil eines spekulativen Kunstmarktes geworden. Mithilfe der Objekte des Kunstmarktes heizt eine sogenannte Finanz- und Kulturelite in Komplizenschaft mit Galeristen und Kuratoren eine „Spekualtionsblase“ / “Wertentwicklungsdebatte“ an. Im Zusammenspiel einer konstrurierten Verknappung und Singularisierung eines fiktiven „kulturellen Kapitals“, das nur privilegierten Kreisen Zugang/ die materielle Aneignung der Artefakte ermöglicht/ gewährt, wird die transformative Kraft und Wirkung von Kunst gebunden/ absorbiert/ umgelenkt auf eine „Geschmackssache“ (Die feinen Unterschiede einer Gesellschaft des besonderen Geschmacks“, Pierre Bourdieu). Mit Hilfe des Anspruchs der Kunst bzw. der Umlenkung ihrer Wirkung auf die Corporate Identity/ Governance (durch Werbung, Mäzenatentum etc.) und ihrer Nichteinlösung in den Arbeitsvorgängen und Produkten, lenken Unternehmen von ihrer originären Aufgabe ab, nämlich in aller Sorgfalt und in erster Linie den Bedarf der Menschen zu entdecken und ihm zu dienen. Stattdessen bereichern sie sich nicht selten an dem Unwissen oder des mangelnden Bewusstseins ihrer
Zielgruppe. Ihr Interessse liegt nicht darin, Agent/ Akteur ihrer transformativen Kraft zu werden, sondern sich mittels Geld mit Kunst als „fremde Feder“ zu schmücken und wenn sich keine lohnenderen Spekulationsobjekte finden lassen, sich auch noch an den Händlertischen des Kunstbetriebs zu bedienen.

K: Das ist nur möglich durch die Vernebelung der Kriterien, was ein Kunstwerk ausmacht. Es sind selbsterfundene Kriterien entstanden, die niemend mehr durchblickt. “Des Kaisers neue Kleider”. Wir wissen nicht mehr, was Kunst eigentlich ist und brauchen den Kurator als Vermittler! Weil wir erblindet sind und uns nicht mehr zutrauen, Kunst einzuschätzen. Der Künstler wird hier in ein System hineingezogen, weil er bereit ist, sich um des Überlebens willen zu verkaufen. Wir müssen auch unterscheiden zwischen den Künstlern, die den Kunstmarkt speisen und denen, die sich dem entziehen und den Leidensweg wählen, weil sie sich dem nicht aussetzen wollen. Warum also nicht einmal Kunst und Wirtschaft nebeneinanderstellen und das gegenseitige aufeinander Einwirken beobachten? Wie wirkt sich die Kunst auf den Mitarbeiter aus? Was passiert mit dem Menschen, wenn er mit der Kunst lebt? Was passiert mit dem Künstler im Wirtschaftskreislauf? Wird er das Leben und die Kunst anders begreifen? Beide Pole werden durch die gegenseitige Einflussnahme ohne äußeres Hinzutun automatisch verändert.

W: Ja einvestanden. Wir sollten dann aber beschreiben, was diese „Automatik“ bewirkt, wenn es sich wirklich um Kunst handelt (sie müsste Befreiung bewirken). Also sowohl der Kunstbegriff als auch der Begriff der Wirtschaft muss geklärt werden, damit sich nicht etwas vermischt, bevor Klarheit herrscht, was die beiden für sich genommen ausmacht und warum und in welcher Weise, ihr Zusammenwirken einen Nutzen liefert. Im Moment findet ja ggf. „automatisch“ eine Kategorisierung aufgrund eines Missverständnisses von der Sache statt: Jeder Bereich kommt in eine Schublade im Sinne des Systems: Wirtschaft=Effizienz und Versorgung und Kunst=Spinnerei und Luxus bzw. brotlose Betätigung, die außer dem Künstler, ein paar Sammlern und als „Werbeeffekt für Gutmenschentum“ niemand etwas bringt. 

K: Es handelt sich wirklich um Kunst, sobald es nur einen einzigen Rezipenten (Betrachter des Kunstwerks) gibt. Ich gehe davon aus, dass Kunst ein Weg der Kommunikation ist. Eine Art Schöpfersprache, die jeder Mensch beherrscht. Wenn wir ein Kunstwerk betrachten, wissen wir, ob uns das Werk berührt oder nicht. Das muss uns niemand sagen. Nun hat jeder Mensch dank seiner Prägung ein anderes subjektives Empfinden und Denken. Also werden wir alle unterschiedlich berührt. Daher kann es keine rein objektive Betrachtungsweise von Kunst geben, egal, wie gut wir ausgebildet sind. Wenn wir nun darauf vertrauen, uns bei näherer Betrachtung selbst ein Urteil bilden zu können, sind wir auf einen Vermittler (Kunstkenner) nicht mehr angewiesen. Die Kunst selbst kommt zu ihrer vollen Entfaltung und Wirkung in uns. Das befreit das Kunstwerk, den Künstler und den Kunstbetrachter von äußeren Zwängen.  

W: Ja, Befreiung einerseits, aber auch Einsamkeit zwischen Künstler und Kunstwerk – und Irreführung, denn das Kunstwerk ist mehr als der Künstler – es weist über sich hinaus auf die Menschheit und will ihr etwas offenbaren … jenseits der Frage, ob es wirtschaftliche Relevanz hat.    

K: Wenn ein Künstler mit seinem Kunstwerk wenigstens einen einzigen Menschen berühren und retten kann vor der Kälte und Enge des Kunst- oder Erwerbs-Systems, dann hat er schon viel gewonnen. Jährlich verlassen 3000 Meisterschüler die Hochschulen mit der Absicht, andere Menschen zu erreichen. Und dann treffen sie auf die unsäglichen Zustände des Kunstmarktes. Was für eine Befreiung, wenn wir den Kunstvermittler einfach umgehen.

Und warum überhaupt fungiert der Künstler als Bittsteller? Warum muss er mit Fördergeldern gesponsert werden?

W: Wir müssten die Gründe feststellen, warum der Künstler/die Künstlerin bitten und die Frage bearbeiten: Kann man mit Geld Kunst befördern?

K: Der Handlungsspielraum wird befördert. Die Kunst und das Einkommen des Künstlers könnten finanziert werden, ohne dass wir die Kunstwerke teuer weiter verkaufen müssten.

W: Das ist kein Phänomen, das allein in der Kunst auftritt. Der Finanzkapitalismus basiert auf der Annahme, dass alle Produkte mit optimalem Gewinn verkauft werden, um die Rendite des Kapitals (Geld) zu maximieren. Es wären folgende Fragen zu klären: Was bedeutet uns eigentlich die Geldvermehrung (Rendite, Gewinn)? Was liefert sie uns? Wie unterscheidet sich Geldvermehrung von Vermögens(aus-)bildung? Was ist der Unterschied zwischen Geld, Einkommen, Auskommen und Gewinn? Und inwiefern dienen diese Begriffe dem Verständnis von Wirtschaft und unternehmerischem Handeln?

K: Davon haben SIe mehr Ahnung als ich.

W: Vielleicht eine Ahnung, aber keine Klarheit, weil ich befangen bin durch das jahrelange Arbeiten im System und mich an die Unstimmigkeiten gewöhnt habe, bzw. sie mir gar nicht auffallen. Wir brauchen einander, um uns gegenseitig von diesen Befangenheiten zu befreien. Die Verwobenheit im falschen Denken hindert uns daran, klare Begriffe zu bilden. Es besteht für uns alle die Gefahr, als Teil eines Systems, das das Denken durch das Interesse an der Vorteilsnahme korrumpiert hat, zu wirken und deshalb über unser Interesse nicht hinauskommen. Geld ist ein Medium/ Träger der Spekulation auf Vorteile, die das Ich glaubt zu benötigen, aus Angst nicht „auf seine Kosten“ zu kommen. Das kostet uns mehr als uns alles Geld der Welt liefern kann. Die Begegnung zwischen Kunst und Wirtschaft könnte uns also weiterbringen, indem wir uns gegenseitig Vorgänge, von denen wir glauben viel zu verstehen, jeweils durch die „Brille“ des Gegenübers betrachtet andere Gesichtspunkte ins Spiel bringen, sodass wir die Sache auf einmal besser verstehen. Zum Beispiel, was Geld ist. 

K: Geld bedeutet für mich Bewegung. Wer Geld hat, kann sich in unserem System bewegen. Erst wenn es fehlt, wird das Bewusstsein erweitert, welche Rolle Geld in unserer Gesellschaft spielt. Welche Handlungsspielräume Geld ermöglicht. Geld = Äußere Freiheit

Äussere Freiheit ist nicht zu Verwechseln mit innerer Freiheit!

Vor das Problem der inneren Zwänge sind alle gestellt, unabhängig von der Menge des Geldes. Finanzielle Armut schützt also nicht vor den inneren Zwängen und beflügelt auch nicht die Kunst. Eher im Gegenteil.

W: Ja!!! Ich verstehe Konsum-Geld als eine Berechtigung  aller Menschen auf die gemeinsam, arbeitsteilig produzierten Ergebnisse (=Produkte, die konsumierbar sind) ihrer Arbeit. Jeder Mensch hat einen Anspruch von dieser Volks-Wirtschaft versorgt zu werden.  

Investitions-Geld ist hingegen Geld, dass geschöpft wird aus dem Vertrauen (credere=Kredit) der Gemeinschaft in unternehmerische Initiativen. Es wird durch Abstimmung der Beteiligten und Betroffenen und Beauftragung der Initiatoren/Unternehmer zur Finanzierung der Einkommen der an der Produktion Beteiligten ausgegeben, d.h. geschöpft. Überschüsse kommen zurück zur Quelle. Unterschüsse werden ausgeglichen, z.B. wenn der Vorgang mehrere Menschen-Generationen überdauert oder es sich um ein Unternehmen handelt, dass keine Überschüsse erzielen kann/ soll.     

Das Kunstwerk ist nach meinem bisherigen Verständnis kein Produkt, weil es sich nicht um ein konsumierbares Gut handelt. Es handelt sich evtl. um ein Gut, weil es existiert, aber nicht um ein Wirtschaftsgut.

K: Kunst ist im herkömmlichen Sinne natürlich kein Konsumgut. Aktuell ist es aber durch den Kunstmarkt zu einem Wirtschaftsgut mutiert.

W: Das Kunstwerk ist ggf. – wenn wir es überhaupt in diesen Kategorien erfassen möchten – ein Investitionsgut. Es ist Investitionsgut (wie eine Maschine) weil es nicht konsumierbar ist, sondern dazu da ist, zu erscheinen und durch seine Existenz ggf. weitergehende Erkenntnisse, Prozesse oder Energie freisetzt, die über es selbst hinausweisen und Folgeprozesse ermöglichen. Das Kunstwerk als Investitionsgut betrachtet transformiert und erweitert Erkenntnis/Wahrnehmung und nimmt nicht Bezug auf bestimmte (Konsum-) Bedürfnisse einer Zielgruppe, sondern auf den Bedarf des Kunstwerks selbst, nämlich zu erscheinen, um den Menschen zur Hilfe zu kommen als Ausdrucksform und/ oder als Empfangsstation eines Bildes oder einer Botschaft. Dabei geht es darum, den Bedarf des Menschen – Mensch zu sein im eigentlichen Sinne – zu entdecken, – nämlich schöpferisch zu sein als Mensch=Künstler und im Werk/ Ergebnis, dass sein Bild im Werk abbildet. Dieses Werk hat nur die Aufgabe dem Menschen als Zeugnis und Wirkung in Gegenwart/ Präsenz gegenüberzutreten, damit er es betrachten kann. Es offenbart sich in ihm/ ihr ein Bild/eine Erkenntnis, die überzeitlich ist und auch über den einzelnen Menschen (Künstler/ In) als Empfangsorgan/ Bodenstation hinausweist (cairos). Es ist ein Etwas, dass über sich selbst nichts weiter zu sagen hat, als das zu sein, was es ist. Befreit von Raum und Zeit (außerhalb aller Systeme!). 

K: Jawohl!!! Das ist sehr gut beschrieben!!!!

W: Das Kunstwerk trägt uns aus der Begrenzung unserer menschengemachten Systeme und weist über sich hinaus auf eine Potenz, die aus der Zukunft in die Gegenwart wirkt. Der Künstler ist der/ die Erwählte.

K: Das halte ich, auch wenn ich es mir als Kunstschaffende natürlich wünschen würde, auserwählt worden zu sein, für fraglich, weil jeder Mensch (laut Beuys, und da stimme ich ihm zu) ein Künstler ist. Wir sind alle befähigt, uns als Kunstschaffende zu betätigen. Was meinen Sie? Sie sind doch auch ein Künstler!

W: Kunst=Kreativität ist die Fähigkeit zur Fähigkeit. Ihr Wesen ist die Liebe zum Gegenstand ihres Wirkens und ihrer Zuwendung (Gabe). Das Kunstwerk ist der Schlüssel zur Offenbarung einer Wahrheit vom Wesen einer Sache und ihrem Zustandekommen. Durch Kunst-Werke nimmt der Mensch mitgestaltend und hervorbringend an der Schöpfung teil. Mensch erfährt in der Teilhabe am Kunstwerk das Wunder der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Der Künstler erlebt, wie er oder sie an der Entstehung eines Werkes beteiligt wird. Das Werk stellt sich dem Künstler gegenüber und entzieht sich jeglichem Zugriff.

K: Ja, im Idealfall wäre das so. Nun haben wir einige Aspekte der Kunst berührt. Ich würde gern noch den/ die KünstlerIn in Augenschein nehmen. Ich sehe hier Parallelen zum Wesen eines Unternehmers. Der (professionell arbeitende) Künstler denkt visionär und übergeordnet über gesellschaftliche Strukturen nach.

W: Was verstehen wir unter „professionell“? Und tut er das wirklich – per Definition – oder aufgrund welcher Eigenschaft/ Berufung?

K: Profession abgeleitet von Beruf. Professionell meint die tiefe Auseinandersetzung mit anderen künstlerischen Thesen und Werken, außerdem beschreibt professionell eine künstlerische Laufbahn mit allen durchlebten Höhen und Tiefen des künstlerischen Schaffens, dazu gehört auch die Publikation an die Öffentlichkeit und durchaus als Grundlage das Studium, staatlich oder privat spielt hier keine Rolle). Zu dem Beruf des Künstlers gehört auch der Auftrag, sich mit seiner Umgebung auseinanderzusetzen, in diesem Fall mit der Gesellschaft oder dem Klima oder Arbeitsprozessen oder der Politik.

K: Das Unternehmen ist ein Gesamtkunstwerk, da die Arbeitsabläufe mit künstlerischen Prozessen korrelieren.

W: Unter welcher Voraussetzung? Das müssen wir genau nachweisen, warum und inwiefern! Die Begriffe Wirtschaft, Unternehmen, Arbeit, Kunst und Kunstwerk bedürfen der genauen inhaltlichen Präzision.

K: An dieser Stelle ein Zitat: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit” sagte schon Karl Valentin. Am Anfang steht die Idee, initiiert aufgrund der kreativen Grundstruktur des Menschen. Hier gibt es keinen Unterschied zum Unternehmer!

W: Das ging mir jetzt zu schnell. Ich vermute, in dem Ausgangspunkt – also der Idee, die zum Motiv für eine unternehmerische Initiative führt und dem Ausgangspunkt, der einen Künstler berührt und ihn befähigt das Kunstwerk hervorzubringen, besteht ein Unterschied, den es zu beschreiben gilt. Dann finden wir ggf. auch die Gemeinsamkeiten!? 

K: Kreativität als Grundlage jeden Lebens. Unternehmer und Künstler sind doch auf dem gleichen Level. Auch bei der Umsetzung: Das Material muss beschafft werden. Eventuell brauche ich mehrere Fachkräfte zur Hilfe, weil ich nicht alles allein umsetzen kann. Beispiel Umsetzung einer Skulptur: Ein Auto wird in Beton gegossen: Das Auto muss zunächst produziert werden oder ich muss es fremdeinkaufen. Dann benötige ich die Fachkräfte für den Betonguss. Es fällt auf, dass der Prozess identisch ist. Was unterscheidet dann eigentlich das künstlerische Produkt von dem eines Unternehmers?

W: Es entsteht aus einem anderen Beweggrund, es hat eine andere Wirkung und es hat eine andere Bestimmung. Der Künstler folgt einem anderen Impuls  – vermute ich!? Ich vermute, das Kunstwerk entsteht durch den Bedarf der Inspiration (Schöpfer=Kreativität). Das Unternehmen entsteht durch den Bedarf der Schöpfung (Menschen/Tiere/Pflanzen) auf Vorschlag des Unternehmers und durch Abstimmung/Zustimmung der Gemeinschaft, für die produziert wird. Das Unternehmen ist also eine soziale Angelegenheit. Das Kunstwerk kommt durch Erwählung, ob wir oder der Künstler es will oder nicht. Künstler zu sein ist insofern kein Beruf, sondern eine Erwählung oder Heimsuchung. Er oder sie ist auch nicht irgendjemand anderem dafür verantwortlich als nur dem Kunstwerk selbst gegenüber. Das ist bei einem Unternehmer sicher anders.

K: Wenn ich von Kunst als Kommunikationsmittel ausgehe, dann ist der Künstler dem Rezipienten verantwortlich. Seine künstlerische Aussage bestimmt, wie der Betrachter des Kunstwerkes beeinflusst wird.Das Kunstwerk verfolgt also nach Ihrer Vorstellung keinen bestimmten Zweck?

W: Das Kunstwerk verfolgt einen Zweck, aber keinen, den wir erklären könnten. Es ist in sich Ursache, Wirkung und Zweck.

K: Es ist nicht nützlich?

W: Ich denke doch, aber nicht im Sinne eines Produkts. Es dient dem Menschen bei der Erschließung seiner Bestimmung als Mensch, der sich im Prozess der Mensch-Werdung befindet. Es dient ihm nicht im Sinne eines Bedarfs, den er selbst formulieren könnte bzw. der bereits erkennbar ist. Erst durch die Offenbarung des Kunstwerks fällt es ihm zu (=Zufall durch Bestimmung!).

K: Das Kunstwerk wird nicht augenscheinlich gebraucht. Produkte der Wirtschaft werden produziert, weil sie gebraucht werden. Das Produkt orientiert sich am Bedarf.

W: Ja, im Sinne des aktuell gelebten Bildes vom Menschen, der sich ernähren, trinken etc. muss, um zu existieren. Er schöpft (noch) weitgehend aus irdischen Quellen (einer gefallenen Welt), weil er noch nicht der geworden ist, zu dem er bestimmt ist (zu dem er bestimmt war – von Anfang an).

K: Die Kunst orientiert sich nicht am Bedarf.

W: Ich würde sagen die Kunst orientiert sich an ihrem Auftrag oder an ihrer Bestimmung, die jedoch nicht durch den real existierenden (zeitlich-systemisch gebundenen) Menschen erfolgen, sondern aus einem Willen, der ihr aus der Zukunft begegnet- dem -Abbild/Ebenbild/Wesen des Schöpfers.

K: Das ist idealerweise so. Die irdische Realität sieht oft auch anders aus. Wir instrumantalisieren die Kunst und pressen sie in ein System hinein. Kuratoren und Kunsthistoriker werden Mittelsmänner und machen uns glauben, wir verstünden alle nichts von der Kunst.

Ich sehe in der Kunst eine Sprache, die nur einen einzigen Menschen erreichen muss um als Kunstwerk anerkannt zu sein und um den Betrachter zum Kunstsachverständigen zu erklären. Diese Sprache gleicht einer Berührung, einer Art Liebkosung…

K: Der Künstler ist ein Zukunftsgestalter, wie der Unternehmer auch.

W: Ja, aber sie tun es in der Wahrnehmung unterschiedlicher Aufgaben. Die Frage ist: Welches Bild von Zukunft hat er/sie vor Augen, wie wird es empfangen und wie ist es abgestimmt?

K: Die Vision des Künstlers unterscheidet sich von der des Unternehmers. Der Unternehmer hat den unmittelbaren Bedarf vor Augen und orientiert sich am Umsatz. Dabei blendet er die sozialen Folgen seiner Aktivitäten aus, während der Künstler ein holistisches Weltbild verfolgt. Er sieht die Konsequenzen der rein produktorientierten Erzeugung, die den Menschen von sich selbst wegführt und ihm nicht wirklich dient. Der Unternehmer sieht die nahe Zukunft und das Wohl der Menschheit in Äußerlichkeiten (Annehmlichkeiten), während der Künstler in die Ferne schaut und den Blick auf die inneren Vorgänge im Blick hat.

W: Ja, das kommt sehr nahe an das, was ich oben versucht habe zu beschreiben. Aber das, was den Künstler vom Unternehmer unterscheidet ist nicht eine Eigenschaft oder eine Neigung, auch nicht Professionalität, sondern dass der Künstler keine andere Wahl hat. Er ist unfrei in Bezug auf das Werk. Die Professionalität des Künstlers ist Leidens- und Hingabebereitschaft. Die Kunst ist m.E. die Disziplin, die am nächsten am Schöpferischen dran ist. Ihre Disziplin ist es nicht, bestimmte Fähigkeiten zu Fertigkeiten auszubilden, um bestimmte Produkte für den Konsum herzustellen, sondern der Fähigkeit zur Fähigkeit zu begegnen und ihr zu folgen – sich von ihr ausbilden zu lassen. Das Kuntwerk bestimmt die Fähigkeiten und die Werkzeuge, die es benötigt, um zu erscheinen … es bildet den/ die Künstler/ In aus. Da werden Zukunftsfähigkeiten asugebildet, die es noch garnicht gibt.   

K: Unternehmer Aussen <-> Künstler innen Der Unternehmer produziert Produkte (z.B. Autoindustrie), die für äußere Werte stehen. Anerkennung, Einfluss, Macht oder er stellt Produkte her, die für unser leibliches Wohl sorgen (Nahrungsmittel, Kleidung, technische Geräte, Luxus- und Wellnessprodukte etc.).

Der/ die Künstler/ in produziert für die inneren Werte. Werte wie Schönheit, Vollkommenheit, Liebe, Berührung sind schwer fassbare innere Werte, an die wir durch einen Autokauf oder edle Kleidung nicht gelangen. Kunst bedeutet Verbindung mit der Kreativität, dem Schöpfertum und inneren Werten. Sie führt mich also auch zu mir selbst. Das kann man nicht produzieren, sondern nur empfangen von einer für uns unsichtbaren schöpferischen Quelle, die sich mit unserem Inneren verbindet und dann durch den Pinsel, den Meißel, den Computer, die Darstellung o.ä. in Erscheinung tritt, also sichtbar wird. Der Künstler macht sichtbar, was nicht für jeden Menschen auf Anhieb sichtbar ist.

W: Es geht ja bei einem Unternehmen um die Gestaltung an und in einer kulturell vielfältig gebildeteten Menschheit und nicht um eine Leinwand, auf der ich „alleine“ unterwegs bin? Was unterscheidet die soziale Kunst (Plastik/Skulptur) von den klassischen Künsten (Malerei, Bildhauerei, Musik, Bühnenkunst etc.)? Wer bestimmt die Komposition, wer und wie entsteht das Thema, Drehbuch, die Bühne und wer bestimmt die Rollen? Wer dirigiert und was bestimmt den Einsatz der Instrumente?

K: Das sind alles Ausdrucksformen. Mit einem Bild kann ich unter Umständen einfach auf den Aspekt der göttlichen Schönheit und Ordnung hinweisen aber auch die Missstände in unserer Gesellschaft spiegeln. Bilder berühren Menschen. Das Gleiche in der Bühnenkunst, der Musik, dem Film. Jeden Menschen erreicht etwas anderes. Weil wir alle durch unsere eigene subjektiv gefärbte Brille schauen. Menschen, die das Drama nicht erreicht, werden unter Umständen mit der Abbildung eines Leuchtturmes auf einer Leinwand erreicht. Wir sollten die Wirkung eines Bildes nicht unterschätzen. Es gibt zahlreiche Wege, auf denen die Kunst uns zu sich ruft. Die Soziale Plastik ist ein erweiterter künstlerischer Weg. Denken Sie daran, wie sehr Sie von einer liebevollen Architekturgestaltung berührt worden sind!

W: Ja, ich erlebte, wie diese Art des Umgangs mit einem Gebäude, seinen Gestaltungselementen und die Art, damit einen Bauauftrag zu erfüllen die Liebe zur Schöpfung wiederspiegelte und diese Liebe landete mitten in meinem Herzen. Diese Art der Hingabe aus Liebe zur Sache ist die Professionalität, die wir in allen Berufen brauchen. Und das lässt sich in der Berührung mit Kunst in allen Berufen erleben. Sie kann das Feuer der Leidenschaft für die Schöpfung entzünden. Aber das Zustandekommen ist und bleibt ein Geheimnis. Wir betreten heiligen Boden.

K: Die Motivation, warum Kunst bisher in Unternehmen angeboten wird, resultiert aus dem Denken im Sinne des Unternehmens. Was braucht ein Unternehmen? Mehrwert, Profit Prestige? Das hat es doch bereits auch ohne die Kunst! Pokale, Auszeichnungen Zertifikate Danksagungen Preise… Auch kreative Prozesse werden mittlerweile in modernen Unternehmen eingepflegt. Auch das ist also nichts, was die Kunst besser könnte.

W: Der Mensch kann nur kreativ sein, weil ihm eine Schöpfung vorausgegangen ist und er als Teil dieser Schöpfung die Begabung der Gestaltung (des Schöpfens) erhalten hat (Odem). In diese Schöpfung ist er hineingestellt (Unfreiheit). Er ist aber auch ihre Krone. Es ist ihm ermöglicht (Freiheit) ein „Ermöglicher des Neuen- der Zukunft“ zu sein

K:  ja da stimme ich Ihnen zu!

W: Durch das Erkennen/ Verständnis des Ganzen d.h. ihrer Zusammenhänge und ihrer Gestaltungspotenz. So kann der Mensch (als kreativer Mensch = Künstler) das Bild (Ebenbild, Abbild) seines Ursprungs finden/ erarbeiten und es im Hinblick auf seine Vervollkommnung (Liebe) in der Freiheit der Erkenntnis auf den Bühnen der Welt in Erscheinung bringen. Diese Bühnen sind die Unternehmen! Das Bild, was sie z.Z. erzeugen ist in vielen Bereichen m.E. (wesentlich!) unter aller Sau.

K: : ))))

W: Sie arbeiten an ihrem wahren Wesen vorbei, weil wir einen verdrehten Kapital-Begriff haben. Das Kapital ist der Mensch und sein schöpferisches Potential und nicht das Geld. Wenn man das Geld für Kapital hält, dann wird vieles produziert, was überflüssig ist – es dient nicht dem Menschen, sondern der Geldvermehrung. Man könnte das als Abfall bezeichnen im doppelten Sinne – einerseits Müll (überflüssig für den Menschen und seine Mitwelt) und andererseits Abfall vom Ursprung (dem eigentlichen Kapital). Wir verehren ein goldenes Kalb, das von der Bestimmung getrennte Bild einer Menschheit, der ihr Denken und Handeln erneuern (neu abstimmen) muß.

K: Ja!

W: Es geht also um einen Abfall (Abkehr) von der Trennung von unserer Bestimmung, den der abgefallene Mensch als Ich jedoch nicht bewirken kann. Ihm, dem Mensch, ist durch die Trennung von seiner Bestimmung, das Bild des Ganzen verloren gegangen. Das “Ich” muss zum “Wir” vordringen, um das Bild vom Ganzen in Erscheinung zu bringen.

K: Ja genau!

W: Nur durch die Wiederherstellung des Bildes in der Erscheinung und dem Wesen Kunstwerk Mensch kann es erneut empfangen werden. Wiedergeburt – durch Abfall, Bekenntnis, Buße, Umkehr und Hinwendung zum Menschheits – Wesen.

K: Wie wahr! Die Kunst kann hier ein abstrakter Helfer für die Umsetzung dieses Wissens werden. Weil der Mensch es in diesen Worten nicht begreift und sich auflehnt (aus Angst), greifen wir auf die Abstraktion zurück. Die Kunst wirkt auf den Betrachter ein, ohne dass er dabei überfordert wird. Die Kunst stellt sich willentlich in den Dienst des göttlichen ohne dabei illustrativ zu agieren, wie es einige christliche Künstler leider oft tun. Das Ziel muss sein, aus der Tiefe einzuwirken. Nicht mit oberflächlichen Platitüden. Jede Belehrung führt in die Ablehnung.

W: Das Kunstwerk stellt die Kunst unter ihren Willen – hoffentlich!

K: Das liegt allerdings auch an der Haltung der Künstlerin/ des Künstlers . Wir haben ja alle einen freien Willen.

W: Inwiefern der Wille wirklich frei ist, müssen wir erörtern.

K: Der Mensch ist kreativ. Und die Kreativität steht am Anfang jedes Broterwerbs. Aber nicht jede Kreativität ist Kunst.

W: “It is important to work on every point of creativity and see how the human being stands in the energy that comes out from the surrounding world.“

Joseph Beuys, Quote in a conversation between Lama Sogyal Rinpoché and Joseph Beuys, 1982; republished in: Joseph Beuys, Carin Kuoni. Joseph Beuys in America: Energy Plan for the Western Man. New York, 1993. p. 197

K: Man muss sich also fragen, was hat die Kunst, was die Wirtschaft nicht hat?

W: Die Kunst hat kein Geld und das ist ihr Vorteil.

K: Und zugleich ihr größter Nachteil! Ich möchte Ihnen in diesem Punkt also heftigst widersprechen. Ein Künstler, der sich infolge finanzieller Not nicht bewegen und auch kein Material anschaffen kann, wird auf diese Gesellschaft wenig Einfluss nehmen können. Sein existenzieller Kampf um das tägliche Brot wird ihn ausserdem von der eigentlichen kreativen Betätigung abhalten. 3000 Meisterschüler verlassen allein deutschlandweit jährlich die Hochschulen, um dann in anderen Berufen zu arbeiten obwohl der Künstlerberuf ja etabliert und anerkannt wird. Was also benötigt die Kunst, damit sie Beachtung findet? Damit sie gesehen und erhört und als unerlässlicher Bestandteil unserer Gesellschaft gebraucht und nicht missbraucht wird?

W: Sie braucht vor allen Dingen nichts, um auf sich aufmerksam zu machen?! Damit wäre sie bereits wieder vom System vereinnahmt.

K: Ja! Das ist aber nicht das eigentliche Problem. Wir sollten auch einmal die positiven Aspekte eines Systems beleuchten. Nicht das System als solches ist persé schlecht. Der menschliche Körper ist auch ein System.

W: Das Problem der Systeme/ des Systems ist, dass sie selbstreferenziell sind. Sie stellen Bezüge innerhalb ihrer selbst her, deren Begründungen sie selbst hervorgebracht haben. Niklas Luhmann geht davon aus, dass Systeme sich gegenseitig beobachten können und ihre Bezüge ändern – also lernen. Das Problem wird dadurch aber nicht gelöst, weil die anderen Systeme ebenfalls selbstreferenziell sind. Eine Selbstreferenz lernt von der anderen, ohne aus der jeweiligen Befangenheit zu entkommen. Die miteinander/ nebeneinander bestehenden Teilsysteme sind gleichen Ursprungs, solange sie nicht in Resonanz kommen mit dem Ursprung, der sie zur Bildung ihres Systems veranlasst hat.

Ich halte den menschlichen Körper m.E. nicht für ein System, sondern für einen Organismus. Ein Organ ist etwas anderes als ein System. Ein Organ bildet sich aufgrund einer wesenhaften Bestimmung, die sich der Mensch nicht ausdenken konnte. Diese Bestimmung ist dem Zugriff durch ein System nicht zugänglich. Der Mensch ist nicht frei in der Bestimmung seines Wesens. Er ist Geschöpf, aber nicht Schöpfer und kann insofern nur durch die Verbindung zum Schöpfer Offenbarung empfangen. Nur in Beziehung zum Ganzen können wir die Schöpfungsordnung deuten und darin in ihrem Sinne selbst schöpferisch tätig werden. Ansonsten wirkt unser Handeln zerstörerisch. Systeme sind Denk- und Handlungsstrukturen, – Bilder, Vorstellungen, die sich der Mensch macht, um seinem Leben eine Ordnung zu geben und die Erscheinungen der Welt in eine für ihn nachvollziehbare Ursache-Wirkung-Beziehung zu bringen. Darauf baut er seine Welt auf und ordnet sie nach Gesetzen, die er aus den Phänomenen herausliest oder deutet.

W: Es gibt sehr hilfreiche und dem Wesen des Menschen förderliche Ordnungen. Wir können hier ggf. auf Beispiele verweisen, in denen Menschen Ordnung und Systematik als hilfreich erfahren und was demgegenüber den „Missbrauch“ darstellt. Beim Mißbrauch geht es in der Regel um Macht, d.h. ein Interesse gegenüber Schwächeren durchzusetzen (auch gegen deren Willen). Wir wollen hier keine Grabenkämpfe eröffnen. Es geht ja bei der Kunst nicht um die Benachteiligung einer „Branche“, die nun gestreichelt werden müsste, damit sie nicht weiter schmollt oder aufhört Unruhe zu stiften. Die Wirtschaft (Nutzung der Schöpfung für Bedarf und Genuss) wird ja in gewissem Sinne auch missbraucht, nämlich für die Finanz-Spekulation wie auch zur politischen Ideologisierung. Das System gebraucht bzw. missbraucht das Denken ziemlich aller Menschen, es sei denn sie stellen es in Frage. Dann stülpt es sie einfach aus.

K: Walter Dahn, Joseph Beuys, Johannes Stüttgen oder auch Gerhard Richter sind nicht die Vertreter der Künstler, sie stehen an der Spitze und sind nicht zu vergleichen mit den 99% der Künstler die ebenfalls studiert haben und nicht in Lohn und Brot stehen. 3000 Studienabgänger pro Jahr allein in Deutschland! 25 % erwirtschaften bis 100 Tsd EUR, 1% mehr als 100Tsd EUR, der Rest, 25% aller Künstler, die studiert haben, verdienen bis 25Tsd EUR Maximum und rund 25 % können von Ihrer Kunst gar nicht leben. Bei den Wirtschaftsleuten verhält sich die Proportionalität ganz anders. In unserer Gesellschaft dreht sich alles um das Geld. Ein 5 Sterne Koch kann sich überlegen, ob er mit einem Stern weniger trotzdem glücklich werden kann. Einem Künstler am Existenzlimit, der seine Familie versorgen muss, bleibt diese Entscheidungsfreiheit nicht. Daher existiert die Ungleichheit zwischen Ratio und Intuition auch monetär. Die wirtschaftliche Not der meisten Künstler verhindert die Möglichkeit der Einflussnahme auf das bestehende System. Es gibt ein Ungleichgewicht. Für eine Veränderung brauchen wir den Ausgleich beider Pole. Damit beide aufeinander einwirken können. Das Prinzip der Osmose. Wenn auf der einen Seite zu viel ist kippt entweder das System oder es gibt einen Konzentrationsausgleich. Dafür benötigen wir eine semipermeable Zellwand. Ich würde als Zielorientierung nicht den perfekten Zustand anstreben. Weder der Künstler noch der Unternehmer kann aus dem System wirklich aussteigen. Das ist nicht möglich, weil wir nicht im Paradies leben. Ein mögliches Ziel ist lediglich der Konzentrationsausgleich in einem Rahmen, wie die bestehende Welt damit fertig wird. Oder? Was meinen Sie?

W: Ich verstehe das gut. Und – es gibt ja global betrachtet noch viel größere Ungleichheiten, was die finanziellen Verhältnisse und andere unzumutbaren Lebenszustände angeht. Viele Menschen waren unverdient in Konzentrationslagern. Menschen werden um ihrer politischen oder religiösen Überzeugung Willen gefoltert oder politisch verfolgt. Sie werden nach unserem Ermessen niemals ein menschwürdiges Leben führen können. Ich weiß aus persönlichen Berichten, dass es für diese Menschen eine große Ermutigung und lebensrettende Quelle ist zu wissen, dass Gott einen perfekten Zustand für sie vorgesehen hat und bereithält. Dieser Glaube, diese Gewissheit des perfekten Zustands ernährt sie bereits im Hier und Jetzt. Die Briefe aus dem Gefängnis von D. Bonhoeffer sind unter diesem Blickwinkel ein Zeugnis für die Wirksamkeit dieser Kraft.

Lebenskunst ist auch, mit den jeweiligen Unzulänglichkeiten umzugehen. Es wird niemand gelingen einen Idealzustand zu definieren, in dem er/ sie sich vollkommen oder gerecht behandelt fühlt. Ich habe es schon viele Male vergeblich versucht…

K: Vielleicht ist dieses Ziel zu hoch (elitär) und deshalb nicht durchführbar? Ich würde die Bedeutung der Kunst auf ein menschliches Maß herunterbrechen wollen, damit sie ihre Wirkung entfalten kann.

W: Sie entfaltet aber doch gerade da ihre Kraft, wo sie das menschliche Maß (im bisherigen Maßstab) überschreitet…

K: Da stimme ich Ihnen zu, aber ich meinte die Bedeutung, nicht die Kunst selbst. Welche Bedeutung hat sie aktuell? Kunst und Künstler werden auf den Thron gesetzt und gefeiert.

W: Ja, da gebe ich Ihnen Recht – keine Idealisierung durch Vereinnahmung für bestimmte Interessen! Die Bedeutung der Kunst, der Wirtschaft und aller Teilsysteme ist bestimmt durch Zuschreibungen, die diesen Bereichen durch historische Praxis und Theoriebildung über diese Praktiken zugeordnet wurden. Auf diese Weise haben sich Kulturen gebildet (Zell-Kulturen – hier kommt Ihr Bild von der semipermeablen Zellwand ins Spiel!), die sich gegeneinander abgrenzten. Weil der Mensch gerne sein eigenes Bild anbetet und in diesem Zuge Einzigartigkeit nachweisen muss, treten die Kulturen in einen Kampf um ihre Attraktivität, Ihre Singularität und ihre Anbetungswürdigkeit, um viele Nachfolger (Follower) zu generieren. In unserer durch die neuen Medien globalisierten Kultur der Selbstanbetung inszenieren wir unser Abbild durch Hinzufügungen von Imagekomponenten. Wir kuratieren unseren Lebensstil und unser Ich sowie unsere Zugehörigkeit zu Gruppen, die unser vorgestelltes Ab- Bild bestätigen, transportieren und verbreiten (Mission). Daraus ist ein Bild entstanden, dass uns vermitteln will, wir könnten oder müssten uns selbst erschaffen. Und – um nicht unterzugehen, müssten wir mit aller Gewalt eine mediale Sichtbarkeit erzeugen (Visibilität in der Matrix).   

Wir müssen zurück! Umkehr nach vorne. Wiedergeburt zur Quelle, um unser Bild neu abzustimmen und wieder aus der Kraft zu leben, die uns wirklich versorgt. M. Luther: „Wir können die Pferde zum Wasser führen, aber saufen müssen sie selbst.“   

K: Die Lösung liegt möglicherweise eher in der Verbindung innerhalb des bestehenden Systems als Interimslösung. Verbindung scheint das Schlüsselwort zu sein.

W: Ja, gemeinsam zur Quelle gehen und sich neu verbinden, – erleben, wie das Wasser des Lebens uns neu belebt (Jakobsweg) – jede/n in seiner/ihrer Berufung. Ich vermute, dass wir einander zur Seite gestellt sind, damit wir uns gegenseitig befreien. So erlebte und erlebe ich es auch. J. Stüttgen und die Arbeiten von Beuys konnten mir als Unternehmer einen Blick auf meine Arbeit unter dem Aspekt der Kunst eröffnen, was meiner unternehmerischen Arbeit einen neuen Impuls gab. Ich konnte einen anderen Standpunkt einnehmen, der mir aus meinem eigenen Metier (Wirtschaftswissenschaften als Abgrenzung = Zellwand) nicht zugänglich war. Ich wurde befreit zu einem neuen Lebensimpuls. Wo das geschieht, da begegnen alle Beteiligten dem Schöpfer. Umgekehrt konnten die Künstler Dahn und Stüttgen in mir eine Person aus der Wirtschaft finden, die sie in die Lage versetzte, sich als Unternehmer zu betrachten. Das funktioniert nur auf „Augenhöhe“ und nicht, wenn die eine Seite sich als Gönner, Mäzen, Auftraggeber oder Geldspender und die andere Seite als die schlauen und kreativen Künstler ansehen, die dem Unternehmer mal vorführen, was Kunst ist oder wie er sein Unternehmen führen soll.

K: Es ist nicht entweder oder d.h. hier der Kunstschaffende, dort der Unternehmer. Beide verbindet die Kreativität. Keiner ist besser oder schlechter. … Defizitär sind beide ohne den jeweilig anderen Pol.

W: Sehr wahr! Und: Außer Kunst und Wirtschaft gibt es ja noch andere Menschen mit ihren Gaben und Fähigkeiten, die mithineingehören in das Ganze …

K: Ja , sehr wahr! Niemand kann sich der Wirtschaft entziehen. Es gibt keinen Ausstieg. Selbst wenn Sie entscheiden, nicht mehr zu arbeiten, leben Sie entweder von Erspartem oder beziehen Sozialleistungen aus Steuergeldern (in diesem System).

W: Ja, das kann man ja so auch als eine Errungenschaft ansehen. Wir merken, dass es mit Geld und Wohlstand nicht getan ist. Es ist eine Illusion, dass man das ständige Wachstum an materieller Versorgung für „Wirtschaft“ gehalten hat und dieser Bereich nun für die meisten Menschen „das Wichtigste“ im Leben ist. Weil das der Glaube ist, streben alle Menschen nach dieser Art von Wirtschaft und erleben, dass sie ihre Lebensgrundlagen dabei zerstören. Jetzt haben sie Geld und Wohlstand, aber der Planet, aus dem sie ihre Lebensgrundlage schöpfen stirbt – und mit ihm die Menschen selbst. In Wahrheit sind wir schon gestorben, als wir diesen Glauben annahmen und die Arbeit an diesem Modell für „gut“ befunden haben.

Die Wirtschaft gehört zu einem Ganzen, in dem sie wieder neu ihren wahren Platz finden kann. Sie kann davon erlöst werden, für das Ganze, das Wichtigste gehalten zu werden. Denn die Wirtschaft basiert auf der Schöpfung = Land-Wirtschaft. Da, wo Menschen Zugang zu Boden (Allmende) haben und dieser nicht von einem System privatisiert und mit den Preisen derer belegt wird, die andere darauf arbeiten lassen, um den größten Teil der Erträge für sich selbst zu behalten. In den wenigen idigenen Gemeinschaften, die freien Zugang zur Allmende haben, kann jeder Mensch durch Beobachtung der Natur und Bearbeitung des Bodens erleben, wie er/ sie durch Arbeit und Teilen der Ergebnisse ernährt wird. An manchen Orten muss man gar nichts (!) dafür tun. Da muss man nur ernten. Das haben wir weitgehend vergessen, können dieses Ur-wissen der Väter/ Mütter aber wiederentdecken. Es gibt ja – Gott sei Dank – solche landwirtschaftlichen Produktionsgemeinschaften, an denen wir das neu lernen können (z.B. Dottenfelder Hof, Demeter Betrieb in Bad Vilbel). Das sind gute Beispiele für eine funktionierende Wirtschaft und das Erleben der Sozialen Skulptur.

K: Ratio und Intuition sollten m. E. nicht bewertet werden. Aktuell steht die Ratio höher im Kurs als die Intuition. Deshalb wird sie besser bezahlt. Der Preis dafür ist unglaublich hoch. Wir bezahlen mit dem Leben!

W: Beide gehören zusammen – wie Mann und Frau! Sie helfen sich und bringen nur gemeinsam neues Leben hervor!

K: Selbstredend. Warum wird die Kunst also nicht als Selbstverständlichkeit im Unternehmen eingeführt?

W: Das sollten wir m.E. in dieser Weise nicht anstreben – im Gegenteil sollte die Form der Unternehmen sich als Plastik um die Fähigkeiten der Menschen bilden.

K: Kunst in jedem Mitarbeiterbüro und nicht nur in den Führungsetagen.

W: Es wäre zu einfach, Bilder einfach überall aufzuhängen. Damit könnte der Eindruck entstehen, das sei schon ein Fortschritt (außer, dass die Künstler vielleicht mehr Geld einnehmen).

K: Welche Rolle spielt dann aber die Kunst und die Vielfalt? Es wäre doch ein erster Schritt zum nächsten Schritt.

W: Ja, einverstanden.

K: Die Kunst als  schöpferische Sprache, die uns bei wichtigen Veränderungsprozessen in unserem digitalen Zeitalter helfen kann. Da werden einfach zwei Pole (Ratio und Intutition) die eigentlich zusammengehören und in unserem System getrennt werden, in den Dialog gestellt und zueinandergeführt.

Ich schlage die Verbindung durch eine semipermebale Zellwand vor. Wie bei der Osmose, die durch den natürlichen Ausgleich von chemischen Konzentrationen stattfindet. Es geht um das natürliche Bestreben nach Ausgleich. Wenn in der Gesellschaft auf der einen Seite Extreme auftreten gibt es auf der anderen Seite eine Bewegung dagegen…

Es gibt mehr als nur einen Weg. Die Sprache, die in diesem unseren Dialog entsteht, halte ich für unglaublich wertvoll. Es ist sehr wichtig, zu begreifen, dass der Betrachter nicht über viele Worte sondern über die Kunst selbst angesprochen wird.

W: JA, die Sprache ist ja eine Formkraft auf dem Weg zum Begreifen. Worte sind in diesem Sinne Entwürfe für Begriffe. Wenn wir auf den Begriff kommen ist das die Begegnung mit der Idee, aus der der Begriff hervorgegangen ist (Begriffe als Kunstwerk). Dann können wir das ausdrücken, was von der Idee darin gemeint war und dann wird der Begriff wesenhaft – und es landet im Herzen (Ratio und Intuition verbunden in der Erfahrung des Wesens). Und es drang ihnen ins Herz (Pfingsten). Für mich waren die Begriffe, die Beuys verwendet hat ein Weg sowohl aus der ideologisierten Sprache der Religion sowie der Wirtschaft auszusteigen und einen neuen Einstieg durch die Erfahrung des Wesens der Sache im Ich zu finden.

K: Sie sind intellektuell gesehen begabt und agieren mit der Sprache. Das ist Ihr Zuhause Nicht jeder Mensch kann sich durch Verbalisierung ein Bild machen. Deshalb die Kunst, die keine Übersetzung braucht und mit dem Rezipienten direkt kommuniziert, sofern der Betrachter seine Abwehrhaltung “Ich verstehe nichts von Kunst” über Bord werfen kann.

W: Dieses verzerrte Bild des „ich verstehe nichts von“ können wir ja bearbeiten … und ersetzen durch ein stimmiges Bild.

K: Die Kunst wird aktuell als Luxusgut für überflüssig erachtet, weil man ihren eigentlichen Wert noch nicht erkannt hat und weil sie uns herausfordert, uns spiegelt und auch ganz schön nerven kann, oder weil wir sie nicht verstehen oder weil wir uns selbst nicht für wertig erachten, mit ihr mitzuhalten. Die meisten Menschen würden sagen, mit Kunst kenne ich mich nicht aus. Ein Großteil der Menschheit kauft Kunst zu dekorativen Zwecken, der andere Teil kauft Kunst als Sachwertanlage –

W: Ich würde sagen zu Spekulationszwecken.

K: Ja Genau! Sie sollte mehr sein als das!

W: Eine Betrachtung als Wertanlage wäre ja schon ein Fortschritt, die Frage wäre nur – Wert wofür?

K: Kunst ist Mehrwert. Weil Kunst mehr wert ist, als für uns vorstellbar. Kunst ist ein Kommunikator, ein Multiplikator, nicht wegen des Produktes Kunst, sondern wegen dem erlebten Weg zum Ergebnis Kunst. Sie ist ein Energieträger. Das Kunstwerk selbst ist im Grunde genommen das Abfallprodukt eines künstlerischen Prozesses. Das Abfallprodukt verweist aber auf den künstlerischen Prozess. Deshalb werden wir berührt, wenn wir ein Bild, eine Skulpur, eine Musik, einen Film sehen, dem ein intensiver künstlerischer Prozess vorangegangen ist.

W: J. Beuys: „Ich stelle ab, nicht aus“.

K: Wenn wir also das Abfallprodukt Kunst an die Wand hängen oder im Foyer aufstellen, dann ruft das Kunstwerk etwas in uns wach. Eine Erinnerung an den künstlerischen Prozess, den wir nicht miterlebt haben. Vielleicht eine Ahnung wie es sein könnte, einen künstlerischen Prozess zu durchleben. Eine Ahnung davon, dass der Mensch selbst das Kunstwerk ist und damit Bestandteil eines noch viel größeren Kunstwerkes. Das Unternehmen wird daran erinnert, dass die Unternehmung auch einen organischen künstlerischen Prozess beschreibt, der von Menschen betrieben wird.

W: Diese Menschen sind Menschen ( „Realo“ wie J. Stüttgen sagt), die aufgerufen sind, den aufrechten Gang zu lernen (J. Beuys), zu einem neuen Menschen (Künstler, „Idealo“ oder einfach Menschheitswesen) zu werden. Dazu müssen sie bereit sein, sich in Dienst nehmen (lieben) zu lassen von einem neuen Wesen im Sein (J. Beuys: Geburt eines Lebewesens). Die Menschen interessieren sich nicht für (die real existierende) Kunst, weil sie den künstlerischen Vorgang in ihrem realen Arbeitsalltag (vor allen Dingen in den Schulen und Ausbildungsorten) nicht erleben. Sie halten es nicht für möglich anders zu „arbeiten“ als im Hinblick auf „Geldverdienen“ für sich selbst und nicht für andere. Die Unternehmen (die müssen doch Gewinne machen, damit es sich lohnt) sind nur die Verlängerung dieser Selbstbezogenheit, die sie als kollektives Mittel der Arbeitsbeschaffung zur Einkommensmaximierung und Konsumbefriedigung wahrnehmen.

K: Es ist also keine Frage, ob der Mensch die Kunst braucht. Es ist m.E. eine Selbstverständlichkeit! Sie gehört in unser Leben, wie das Essen, Trinken und Atmen. Ohne künstlerische Prozesse sind wir wie lebendig begraben. Tot. Innerlich leer. Ausgebrannt, wie es viele beschreiben, die einmal an Burnout erkrankt sind.

W: Ja, diese Selbstverständlichkeit ist aber verschüttet unter dem Mißbrauch von Spekulanten und Kunstvermittlern sowie einem falschen Kunst- und Bildungsbegriff. Sie ist eine Methode, ein Weg, auf dem die Unstimmigkeit der herrschenden Begriffe und Vorgehensweisen in Erscheinung tritt (Kälte-Element) und durch Reibung (Wärme-Element) formbar (künstlerisch, d. h. aufgrund der Liebe zur stimmigen Form) gestaltbar wird. In diesem Vorgang der Abstimmung zwischen den Menschen über ihre Identität als Wesen Mensch (nicht als Künstler, Arbeitgeber oder Arbeitnehmer) findet die Menschheit den Zugang zur Kunst – zum Kunstwerk Mensch. Das verleiht ihnen eine neue Würde.

K: Ergo: der Künstler ist kein Künstler mehr und der Unternehmer kein Unternehmer.
Das war der Weg, den Beuys beschritten hat. Den auch Sie beschritten haben.

W: Ja, beide treten aus ihren jeweiligen Systemen/Denkstrukturen heraus und verpflichten sich, sich als Menschen zu begegnen, um einen neuen Vertrag – von Mensch zu Mensch – auszuhandeln. Sie treffen sich auf einer höheren Ebene und lassen sich neu bestimmen. Sie suchen nicht mehr in ihren sozialen Bezügen nach gemeinsamen Interessen, um auf ihre Kosten zu kommen (Komplizenschaft), sondern sie werden eine wirkliche Gemeinschaft  untereinander und in ihrer Mitwelt. Sie bilden einen neuen sozialen Organismus – Eintritt in ein (neues) Lebewesen.

K: Ich glaube, es gibt einen anderen weniger radikalen Weg. M.E. liegt der Schlüssel in einem Perspektivwechsel. Ich nehme die Perspektive des jeweils anderen ein. Ratio und Intutition lässt sich auch vergleichen mit männlichen und weiblichen Aspekten.

Beides ist richtig, trotzdem bekämpfen sich die Geschlechter. Machtkämpfe um Positionen, weil ein Geschlecht jahrhundertelang nicht geliebt und unterdrückt wurde. Das ist doch vergleichbar mit der Wirtschaft und der Kunst. Die Kunst, ein so wichtiger Aspekt unserer Gesellschaft wird unterminiert, versucht sich auf gewalttätige Art und Weise Gehör zu verschaffen und bleibt wo sie ist, am unteren Ende der Bedürfnispyramide. Man glaubt, wir brauchen sie nicht. Könnten auf die Kunst gut verzichten! Das ist auch eine Wahrheit die wir gründlich prüfen sollten. Brauchen wir die Kunst? Und wenn ja warum?

W: Ja, das gilt für alle Disziplinen! J. Beuys: Zeige Deine Wunde! Kunst steht für Kreativität und Arbeit geht aus ihr hervor. Die Unternehmen stimmen die Arbeit und den Bedarf ab und übernehmen Verantwortung für die Wirkungen und Ergebnisse.

K: Kunst steht für Intuition nicht für Kreativität. Die Kreativität umfließt alles, nicht nur die Kunst. Die Verbindung des Unternehmers mit dem Künstler besteht in dem Willen zurEinflussnahme auf die Gesellschaft. Nur wenn sich beide ihrer Verantwortung bewusst werden und in Verbindung treten, kann es eine Zukunft geben, mit Unternehmen, die sich am Kunstwerk Mensch orientieren und nicht umgekehrt, wie es heutzutage bis auf wenige Ausnahmen der Fall ist. Das Bindeglied beider Pole ist die aufeinander bezogene und miteinander abgestimmte Kreativität aller Menschen. Die Kreativität, die jedem Menschen innewohnt.

W: Kennen Sie Beispiele?

K: Es gibt bereits zahlreiche Mietkunst-Unternehmen, welche die Kunst in Unternehmen einpflegen. Allerdings nicht der Kunst oder dem Menschen zuliebe, sondern um einen anderen Weg des monetären Gewinns durch die Kunst zu erzielen. Das ist aber nicht meine Absicht. Die Aufgabe besteht in der Verbindung von Ratio und Intuition. Darin liegt die Heilung, denn in der Trennung lag einst die Verwundung. Es ist aber m.E. nicht entscheidend, welche Art von Kunst die Bühne betritt. Schauspiel, Malerei, Digitale Kunst, Fotografie, oder Soziale Skulptur. Die Kunst ist nicht die Medizin, sondern die Wiedervereinigung beider Pole. Darin liegt die Heilung verborgen.

W: Alle Menschen als ein Leib!

K: Ja. Ein Organismus, der sich aus verschiedenen Fähigkeiten und Fertigkeiten zusammensetzt.

Stand: 01.08.2019

Diskurs von Frank H. Wilhelmi und Kim Kluge

 

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Diskurs_art_economie_08_2019